© 1999
Musical von Phan Trat Quan und Tom Heilandt
Buch und Musik: Phan Trat Quan
Liedtexte: Tom Heilandt
Zitate von Raoul Vaneigem und Julian Beck
Aufführungsdauer: 120 Minuten
Altersgruppe: Jugendliche und Erwachsenen
Anzahl der Musiknummern: 18 (1- bis 4-stimmig)
Prolog, 6 Akte (16 Szenen), Epilog
7 Bühnenbilder
Über 20 Rollen / eine revolutionäre Theatertruppe / Manager / Mona (Assistentin des Managers) / Bürgermeister / Fanfan ein Junge der ausgerissen ist / Poeten / Publikum / Polizisten u.a.
Uraufgeführt am 22. Januar 2000 in Krefeld
DIE UNSCHULD EXISTIERT NICHT?
MACHT NICHTS, WIR WERDEN SIE ERFINDEN!
SI TU DANSES ist die Geschichte einer engagierten, unkonventionellen und revolutionären Theatertruppe, die in Konflikt mit den Drahtziehern eines Kulturfestivals gerät.
SI TU DANSES zeigt den kompromisslosen, ehrlichen, aufregenden und gefährlichen Weg,
den ein außergewöhnlicher Künstler mit seiner Truppe geht.
SI TU DANSES ist ein Ruf nach dem Leben, nach Toleranz, nach Liebe,
nach Freiheit für Körper und Geist.
SI TU DANSES ist der Tanz der Partisanen des maßlosen Lebens, der Guerilleros des Genusses,
der Poeten der Autonomie.
basieren auf der Begegnung mit
der wütenden, vehementen und umstürzenden Kritik der Ökonomie
in den radikalen Schriften von Raoul Vaneigem,
dem Exemplarischen, dem Kompromisslosen, dem Provozierenden
des "Living Theatre" von Julian Beck und Judith Malina.
So sind einige Texte Originalzitate aus den Schriften von Raoul Vaneigem und von Julian Beck.
Die Rahmenhandlung von "Si tu danses" beruht auf einer wahren Begebenheit:
Auf dem Festival d’Avignon bringt das Living Theatre 1968 Judith Malinas Komposition "Paradise Now" heraus. Ein anarchistisches Bacchanal und Liebesfest, das die Akteure und Zuschauer zu einer großen Gemeinschaft des Friedens vereinen soll. Die Kommune, die von Land zu Land jagt, ist entschlossen, mit ihren eigentlichen Zielen ernst zu machen und zum Bürgerschreck zu werden. Sie will "auf die Straße". In Avignon, wo die Becks auf Gratisaufführungen im Freien bestehen, gerät das Living in die Mühlen kommunaler Politik. In wenigen Minuten wird die inzwischen zu einer internationalen Gemeinschaft herangewachsene Gruppe von einer Hundertschaft Polizisten aus ihrem Quartier vertrieben. Der Bürgermeister mag Parolen, die auf Freiheit von Vorurteilen und Freiheit von Hass zielten, noch toleriert haben, aber die in dürftiger Bekleidung auf Straßen vorgenommene Umarmung der Bürger ist ihm wohl zuviel. Der Forderung "Paradise now" stand er hilflos und sicherlich auch angewidert gegenüber.
(Aus: "The Living book of the Living Theatre" von Carlo Silvestro)
RAOUL VANEIGEM
Sie verbringen die Woche in der Erwartung, dass die Arbeit Sonntagskleider anlegt.
Die Allgegenwart der Arbeit
Sie ziehen von Montag bis Freitag ihre Dienstuniform an – so gehen sie zur Freizeit, wie sie zur Fronarbeit gehen. Fast spucken sie in die Hände, bevor sie einen Pernand-Vergesseles kippen, in den Louvregängen herumschlendern, Baudelaire rezitieren oder wild Unzucht treiben.
Zur festgesetzten Zeit und Stunde verlassen sie die Büros, die Werkstätten und die Ladentische, um sich im gleichen Takt der Bewegungen in eine abgemessene, verbuchte Zeit zu stürzen. Stück für Stück wird diese Zeit mit Namen beschriftet, die wie Fläschchen klingen, die man fröhlich öffnet: Wochenende, Urlaub, Feier, Ruhe, Freizeit, Ferien. So sehen die Freiheiten aus, die ihnen die Arbeit bezahlt und die sie mit ihrer Arbeit bezahlen.
Mit großer Sorgfalt üben sie die Kunst, der Langeweile Farbe aufzutragen, indem sie die Leidenschaft am Preis der Exotik, eines Liters Alkohol, eines Gramms Kokain, der Ausschweifung, der politischen Auseinandersetzung messen. Mit versiert-stumpfem Auge beobachten sie die kurzlebigen Notierung der Mode, die von Rabatt zu Rabatt den Absatz der Sonderangebote kanalisiert: Kleider, Fertiggerichte, Ideologien, Ereignisse und die Stars auf dem Gebiet des Sports, der Kultur, der Wahlen, des Verbrechens, des Journalismus und der Geschäfte, die das Interesse an alldem wach halten.
Sie glauben ein Leben zu führen, aber das Leben führt sie durch die nicht enden wollenden Hallen einer alles umfassenden Fabrik. Ob sie lesen, basteln, schlafen, reisen, meditieren oder vögeln, sie gehorchen fast immer dem alten Reflex, der jeden Arbeitstag hindurch die Führung hat.
Macht und Profit halten die Fäden in der Hand. Sind die Nerven rechts überspannt? Sie entspannen sich links, und die Maschine springt wieder an. Eine Belanglosigkeit ist in der Lage, sie über das Untröstliche hinwegzutrösten. Nicht ohne Grund haben sie jahrhunderterlang unter der Namen Gott einen Sklavenhändler verehrt, der nur einen von sieben Tagen zum Ausruhen zugestand und darüber hinaus verlangte, dass dieser seinem Lobgesang gewidmet sei.
Und dennoch fühlen sie, wissen sie am Sonntagnachmittag, so gegen vier Uhr, dass sie verloren sind, dass sie, wie in der Woche, das Beste von sich in der Morgendämmerung zurückgelassen haben, dass sie nicht aufgehört haben zu arbeiten.
Raoul Vaneigem (aus "An die Lebenden! Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie" 1998)
JULIAN BECK
Veränderungen (2)
Das Festival. Berühmt und von noblem Ursprung.
Dann wird das Festival zum Supermarkt der Kultur.
Während des Stückes lassen wir den Zuschauer bewusst werden, weil wir, die Akteure, das Stück enthüllen, um es nackt in die Sonne zu legen.
Dann wird der Zuschauer bewusst.
Und dann ist es zu Ende.
Schlafende Jahre.
Der Zuschauer geht zum Festival auf der Suche nach einem Bewusstsein, treu suchend eine Interpretation der heiligen Worte, die die Sprache verständlich machen.
Das Festival sucht nach dem städtischen Prestige und dem Geld des Touristen.
Was uns wütend macht, ist das Geld.
Wir müssen mit Gewandtheit zwischen seinen Klingen tanzen. Die Festivals geben uns Theater, aber was kann das Eindringen in das innere Licht gegen die Marktschreie eines Kulturmarktes ausrichten?
Wir sind auf der Suche nach Veränderungen bei den Menschen: die schrecklichen Ungerechtigkeiten hören nicht auf, sich zu vermehren, der Müllsack der Welt ist prall gefüllt mit Kriegen, Hungersnöten und ökonomischen Verbrechen, ein riesiger Sack, groß wie der Planet.
Aber es geschieht etwas.
Wir die Menschen, wir rücken nah zusammen, im Dunkel am Hang des Hügels, und wir lesen und wir studieren und wir gehen zum Theater.
Und dann, eines Tages, tun wir etwas, und nichts ist mehr so wie vorher.
Julian Beck (aus "Theandric. Julian Becks last notebooks" 1992)
PROLOG
Nachts in Avignon. Ein Mädchen sprayt Parolen an die Wand. Ein Tänzer tanzt durch die Nacht.
Er liebt die Luft, das Leben, er tanzt.
Nachtschwärmer tauchen auf.
Sie sind zusammen.
Sie tanzen.
1. AKT
Nach einer skandalösen Premiere sitzt die Theatertruppe "Si tu danses" in einem Café und freut sich über die guten Rezensionen in den Zeitungen. Da es keine Karten mehr gibt, beschließt die Truppe kostenlose Aufführungen auf der Straße zu geben. Um weitere Skandale zu vermeiden, möchte der Bürgermeister die Truppe aus dem Programm entfernen. Der Manager des Festivals soll das erledigen.
2. AKT
Der Manager und seine Assistentin Mona tauchen bei einer Probe von "Si tu danses" auf, um Julian, dem Kopf der Truppe, die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch "Si tu danses" wird kostenlos auf der Straße spielen. Mit einer spontanen Improvisation als Antwort verunsichert die Truppe den völlig verdutzten Manager. Als Julian noch Passanten von der Straße einlädt, an der Probe teilzunehmen, verlässt der Manager laut brüllend den Saal. Damit haben sich Julian und seine Truppe einen Feind gemacht. Mona bleibt, fasziniert von dieser seltsamen Truppe, und nimmt die Einladung von Don an der Probe teilzunehmen an. Der Manager kommt mit der Polizei zurück und lässt den Saal räumen. Er beauftragt Mona herauszufinden, wo "Si tu danses" ihre freien Aufführungen machen will. Mona bleibt allein, schockiert.
3. AKT
Mona will mit Julian reden. Als sie ihn abends sucht, trifft sie erneut auf Don. Beide mögen sich. Sie kommen sich näher. Don tauft Mona liebevoll in Moon um. Die Begegnung mit Don und der Truppe hilft Moon zu erkennen, wohin sie eigentlich gehört. Sie will nicht mehr Handlanger einer Kulturmacht sein. Mit dem Rest der Truppe zelebrieren Don und Moon die Liebe und das Anderssein. Währendessen besinnt sich der in seiner Eitelkeit verletzte Manager auf Rache und zelebriert mit den "Marchands de chagrin" die Verachtung, die Profitgier und die verlogene Moral.
4. AKT
Menschen in einer Schlange warten seit Stunden, um Karten für die Aufführung von "Si tu danses" zu bekommen. Künstler lenken sie kurzeitig mit ihren Liedern ab, doch die Leute sind ungeduldig und geben ihrem Ärger lautstark Ausdruck. Fanfan, der auch an der Probe teilgenommen hat, erzählt ihnen, dass sie "Si tu danses" kostenlos sehen können und löst so einen Tumult aus. Fanfan macht sich mit den Leuten auf, um "Si tu danses" zu suchen. Inzwischen wandert Julian in der Stadt umher, hin und her gerissen zwischen der Besorgnis um seine Truppe und dem Wunsch, das zu tun, was er für richtig hält.
5. AKT
Auf dem Platz beim Palais des Papes findet die verbotene Aufführung statt. Im Laufe der explosiven Aufführung erscheint die Polizei gefolgt von dem Bürgermeister, dem Manager und einigen merkwürdigen Gestalten, die die Truppe zu provozieren versuchen. "Si tu danses" übt passiven Widerstand, trotzdem fällt der Manager hin und verletzt sich. Der Bürgermeister lässt daraufhin die gesamte Truppe verhaften.
6. AKT
In den Zeitungen wird über den Vorfall berichtet: alle Anklagepunkte wurden fallen gelassen. Die befreite Truppe erscheint unter Jubel. Moon taucht auch auf und verkündet, dass sie ihren Job beim Festival geschmissen hat. Sie will sich der Truppe anschließen. Die Truppe improvisiert eine Parodie auf die Justiz.
7. AKT
Während Moon im Büro ihre Sachen packt, kommt die Polizei, begleitet von einem Staatsanwalt, um sie zu verhaften. Nach einer ernsthaften "Unterredung" mit der Bürgermeisterin hat der Untersuchungsrichter sein Urteil revidiert und ganz neu entschieden. Julian, Judith und Don wurden ebenfalls verhaftet.
EPILOG
Die Nacht ist so schwarz! … Aber ich will leben, ich werde leben …
I believe, that there is no death but life …
Anders sein, anders sein, anders sein!
Mit dir sein!